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Untersuchungen zur Nominalkomposition des Ägyptischen

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der ägyptischen Sprache muss zunächst auf die besonderen Eigenschaften der Hieroglyphenschrift Rücksicht nehmen. Von besonderer Bedeutung ist der Umstand, dass diese ausschließlich Konsonanten, jedoch keine Vokale festhält, und daher die Struktur von Wörtern nur unvollkommen abbildet. Dies erschwert die sprachwissenschaftliche Erforschung und die Erschließung der Morphologie, der Silbenstruktur und der Vokalisationsklassen des Ägyptischen enorm. Jeglicher Versuch, die auf den ersten Blick seit langem verklungenen Vokale wiederzugewinnen, ist daher auf die koptischen Abkömmlinge der ägyptischen Wörter bzw. die sogenannte Nebenüberlieferung (ägyptische Wörter in, vor allem, keilschriftlicher, hebräischer und griechischer Umschreibung) angewiesen. Die Auswertung dieses Materials ergibt, dass grundsätzlich jedes ägyptische Wort auf seiner letzten oder vorletzten Silbe betont war, doch findet sich auch eine vergleichsweise kleine Gruppe von Wörtern, die einst auf ihrer drittletzten Silbe betont waren und dadurch den klassischen Akzentregeln widersprechen. Eine genauere Analyse ergibt jedoch, dass diese vermeintlichen Ausnahmen Zusammensetzungen sind, die sich auch in anderer Hinsicht abheben: Sie tragen den Akzent auf dem ersten Bestandteil, während in Zusammensetzungen, die offenkundig aus Syntagmen durch Univerbierung entstanden, durchwegs das letzte (i. e. zweite) Wort betont ist. Bislang sind die Entstehung und die Bedeutung dieser vornbetonten Zusammensetzungen nicht näher untersucht, obwohl sie teilweise als Basis für weitreichende Theorien zur allgemeinen Entwicklung der ägyptischen Sprache herangezogen wurden.
Die Aufarbeitung dieses Fragenkomplexes stellt nach wie vor ein desideratum dar, das in diesem Projekt angegangen werden soll. Zu diesem Zweck wird in Zusammenarbeit mit dem meist kurz „Berliner Wörterbuchprojekt“ genannten Forschungsvorhaben „Strukturen und Transformationen des Wortschatzes der ägyptischen Sprache. Text- und Wissenskultur im alten Ägypten“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem „Chicago Demotic Dictionary“ des Oriental Institute der University of Chicago eine umfassende Sammlung von nominalen Zusammensetzungen erstellt; in weiterer Folge werden diese Zusammensetzungen kategorisiert, um dadurch festzustellen, bis zu welchem Grade echte Nominalkomposita vorliegen bzw. inwieweit diese als bloße Zusammenrückungen (Juxtaposita), und somit als unechte Nominalkomposita, zu betrachten sind.
Die Untersuchung der Bestandteile hinsichtlich deren Morphologie und Semantik wird Einblicke in Prozesse der Lexikalisierung, des Bedeutungswandels und der Bedeutungseinengung sowie, im Falle der echten Komposita, der Bedeutungsgenerierung durch Prozesse der Wortbildung (Komposition bzw. Ableitung) gewähren. Für diese Analyse wird eine eigene Methodik entwickelt, die sich am Vorbild der Indogermanistik orientiert. Dadurch werden das methodische Repertoire der ägyptologischen Sprachwissenschaft wesentlich bereichert und bisherige Unschärfen in den Analyseverfahren aufgezeigt bzw. korrigiert. Schließlich wird aus dem zu sammelnden Belegmaterial eine Theorie abgeleitet, die den Platz der echten und unechten Nominalkomposita im System der ägyptischen Nominalbildung und ihre Bedeutung für die Erschließung der diachronen Entwicklung des Ägyptischen bestimmt.
Die lange vernachlässigte Gruppe der ägyptischen Komposita wird dadurch zur kritischen Revision der bisherigen Kenntnisse der ägyptischen Nominalbildung beitragen und helfen, dem konsonantischen Skelett der ägyptischen Sprache wieder vokalisches Fleisch zu verleihen, um einen Eindruck vom Klangkörper dieser alten Kultursprache zu geben.

Projektleitung: