Anatolian Aegean Prehistoric Phenomena (AAPP)


(© OREA)

Zentrales Thema dieses Forschungsschwerpunkts ist eine synoptische Auswertung von neolithischen, chalkolithischen und frühbronzezeitlichen Fundplätzen Anatoliens und der Ägäis in einer überregionalen Perspektive. Diese lassen Phänomene erkennen, welche die beiden großen Kulturräume Ägäis und Anatolien verbinden.

Anatolien und die Ägäis sind Ausgangspunkt und Vermittler von wichtigen, den europäischen Kontinent prägenden, kulturellen Erscheinungen und Entwicklungen menschheitsgeschichtlicher Relevanz.

Analysen von Funden und Befunden, die durch die Behandlung beider Kulturräume unsere Kenntnisse vernetzen, sind für das Verständnis von Ursachen und soziokulturellen Auswirkungen entscheidend, jedoch aufgrund unterschiedlicher Forschungstraditionen und Ausrichtungen internationaler akademischer Schulen ein großes Desiderat. Der 2014 eingerichtete Schwerpunkt Anatolian Aegean Prehistoric Phenomena (AAPP) greift dieses Forschungsdesiderat auf und vereint Experten beider Regionen. Die Fokussierung auf überregionale urgeschichtliche Fragestellungen vom Neolithikum bis zur Bronzezeit in dieser kulturellen Kernzone kann über einen systematischen Vergleich zu Modellen führen, die in Folge in einem größeren geographischen und soziokulturellen Kontext ausgewertet werden können.

Archäologischer Kontext


Im Holozän, etwa ab dem 10. bis zum 3. Jahrtausend v. Chr., sind im ägäisch-anatolischen Raum entscheidende Veränderungen der menschlichen Gesellschafts- und Lebensmodelle zu beobachten, die bis heute prägend sind. Dazu zählen der tiefgreifende und nachhaltige Wandel zu den ältesten sesshaften Ackerbaukulturen und der damit beginnenden Gestaltung des Naturraums durch den Menschen, verbunden mit einem grundlegenden Wandel gemeinschaftlicher Organisationsstrukturen. Die Veränderungen der soziokulturellen Strukturen dieser ersten sesshaften Gemeinschaften bis hin zum Entstehen erster proto-urbaner Gesellschaften im Verlauf der Kupfer- und Bronzezeit spiegelt eine weitere grundlegende Veränderung wider, die sich in zahlreichen gleichzeitig einsetzenden Innovationen zeigt. Diese Dynamik lässt sich in Modellen zum Umgang mit Ressourcen und zum veränderten Zugang zu Rohstoffen darstellen und wird in der Entwicklung von Gesellschaftshierarchien und spezialisierten Technologien sichtbar.

Der geographische Raum der archäologischen Kulturen dieses Forschungsschwerpunkts umfasst im Wesentlichen das griechische Festland inklusive den nördlichen Küstenzonen, die ägäischen Inseln und Anatolien von seiner Westküste bis zum anatolischen Hochplateau.

Forschungskonzept


Aus den laufenden Forschungsprojekten in OREA zur Urgeschichte in Ägäis und Anatolien entwickeln sich laufend Fragestellungen überregionaler Natur. Die konkreten Arbeiten der Forschungsgruppe beinhalten derzeit folgende Fragenkomplexe:

  1. Statuetten in der Kupferzeit
    Unter Einbeziehung neuer Grabungsfunde aus Westanatolien und bislang unpublizierter Figurinen auf dem griechischen Festland ist eine überregionale Studie zu Statuetten aus dem 6. bis 4. Jahrtausend v. Chr. geplant. Dabei wird besonders Wert auf eine kontextuelle Betrachtung der Funde gelegt.

  2. Frühbronzezeitliche Keramiktechnologien, Produktion und Provinzen
    Die aus laufenden archäometrischen und archäologischen Studien zu Siedlungskeramik im 3. Jahrtausend entwickelten Forschungsfragen und Ergebnisse wurden im Rahmen einer internationalen Konferenz 2015 in Wien präsentiert und diskutiert.
    Die Basis dafür liefern Ergebnisse aus verschiedenen Projekten: Zum einen aus dem FWF Projekt „Interaction of Prehistoric Pyrotechnological Crafts and Industries“, in dem petrographische und chemische Untersuchungen an Keramik vom Çukuriçi Höyük mit breit angelegten Vergleichsstudien derzeit durchgeführt werden. Ergänzt werden diese Resultate durch NAA-Reihen an Keramik aus den prähistorischen Surveys im Umland von Pergamon. Zum anderen wurde im Zuge der Fundbearbeitung von Midea ein petrographisches Projekt gestartet, das auf der Basis petrographischer und chemischer Analysen eine Charakterisierung der frühbronzezeitlichen Keramikproduktion der Argolis und ihre Abgrenzung von den Nachbarregionen zu Ziel hat. In dieses Projekt fließt auch die Analyse von Keramik aus Tiryns ein. Ein weiteres Projekt dient der archäologischen und petrographischen Charakterisierung und Kontextualisierung der bisher kaum erforschten frühbronzezeitlichen Keramik Messeniens anhand der Keramik von Romanos.
    Die internationale Konferenz „Pottery Technologies and Sociocultural Connections between the Aegean and Anatolia during the 3rd millennium“ fand im Oktober 2015 statt. Die Publikation zu der Konferenz befindet sich derzeit in Vorbereitung.

  3. Lithics and Raw Materials
    Die laufenden Forschungen zu neolithischer bis chalkolithischer Steingerätetechnologie, deren Entwicklung, Verbreitung und soziokulturellen Deutung an verschiedenen Fundorten des Großraumes zeigen wesentliche neue Erkenntnisse. Die damit verbundenen Analysen der verwendeten Rohstoffe führten bereits zu ersten lokal konstruierten Modellen, deren regionale und interregionale Auswertung noch aussteht. Die Anfänge eigener geochemischer Untersuchungen von Flinten und Feuersteinen lässt in Zukunft wesentliche neue Erkenntnisse zur Rohstoffzirkulation erwarten. Den unterschiedlichen Modellen zur Distribution von Obsidianen könnten damit bedeutende Elemente hinzugefügt werden, die das Bild der verwendeten Ressourcen und ihre Produktions- und Verbreitungsprozesse deutlich erweitern.
    Im Fokus stehen neben Herstellungstechnologien auch neue Methoden der Rohstoffanalytik und ihre Vergleichbarkeit in der archäometrischen Auswertung.