Mediterranean Economies

Pre- and Protohistoric Forces of Production and Social Systems


© R. Jung

Theoretische und methodische Basis


Den Projekten der 2014 gegründeten Forschungsgruppe liegt der Kerngedanke zugrunde, dass die Entwicklung der Produktivkräfte den entscheidenden Faktor in der Entwicklung der ökonomischen und politischen Strukturen der verschiedenen Gesellschaftssysteme und damit auch ihrer Kontakte zueinander bildet. Eine Erforschung der Produktions- und Eigentumsverhältnisse sowie der Austauschbeziehungen der verschiedenen mediterranen Gesellschaften des zweiten und frühen ersten Jahrtausends v. u. Z. bildet daher die Basis der verschiedenen Themen. Dieses Forschungsfeld hat noch ein beträchtliches Potenzial und kann nur in Zusammenarbeit von Archäolog/inn/en mit Wissenschaftler/inn/en anderer geistes- und naturwissenschaftlicher Disziplinen angegangen werden. Neben archäologischen Befunden und Funden sowie archäometrischen Daten sind auch Schriftquellen heranzuziehen.

In den letzten Jahren ist ein erneutes Interesse an makrohistorischen Betrachtungsweisen der menschlichen Wirtschaft zu verzeichnen – was sich u. a. in einer Reihe von Monographien von Sozialanthropolog/inn/en und Wirtschaftswissenschaftler/inne/n ausdrückt. Zuletzt haben auch die verschiedenen archäologischen Disziplinen wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen wieder aufgegriffen – nachdem lange Jahre über eher Themen zur Ideologie und Fragen nach Kulturkontakten im Vordergrund der Fachdebatten gestanden hatten.

Frühere Modelle zu bronzezeitlichen Ökonomien waren z. T. modernistisch geprägt, oder konnten durch neu erschlossene Schriftquellen bzw. archäologische Befunde nicht gestützt werden. Detaillierte Fallstudien der Forschungsgruppe in unterschiedlichen mediterranen Regionen liefern neue Primärdaten, mittels derer die bronzezeitlichen Ökonomien und ihre Entwicklung auf erweiterter und zugleich präzisierter Basis erforscht werden können. Einen integralen Bestandteil dieser Rekonstruktionen und Modellbildungen bildet eine erneute Theoriediskussion zwischen den beteiligten Wissenschaftsdisziplinen. 

Themen


Die einzelnen Projekte der Forschungsgruppe behandeln einen oder mehrere der folgenden Themenkomplexe:

  1. Lokale Ökonomien – die Rekonstruktion lokaler ökonomischer und gesellschaftlicher Systeme in verschiedenen mediterranen und unmittelbar angrenzenden Regionen;
  2. Ressourcenpolitik – auf der Basis archäometrischer Daten die Untersuchung der Frage, in welcher Weise und auf welchen Routen sich die staatlich und vorstaatlich organisierten Ökonomien mit den nötigen Ressourcen (z. B. Metallen) versorgten;
  3. Überregionale Kontakte – die Erforschung der ökonomischen und politischen Kontakte, die es auf verschiedenen Ebenen zwischen den am Mittelmeer lebenden Gesellschaften gab, nämlich erstens zwischen staatlichen und vorstaatlichen Gesellschaften und zweitens zwischen den unterschiedlichen staatlich organisierten Gesellschaften; darauf aufbauend schließlich das systematische Vergleichen der verschiedenen Arten von überregionalen Kontakten;
  4. Ökonomischer und politischer Wandel – die Rekonstruktion des Wandels der Produktivkräfte als Hintergrund des Untergangs der Palastökonomien und des Aufkommens der Stadtstaaten am Übergang vom zweiten zum ersten Jahrtausend v. u. Z. sowie der damit in Zusammenhang stehenden historischen Prozesse.

Alle Projekte sind von dem Bemühen geprägt, ein umfassendes Bild unter Einbeziehung möglichst aller Elemente der Wirtschaft – Produktion, Distribution, Austausch und Konsumtion – zu zeichnen.

Projekte


  1. Punta di Zambrone – zentrales Mittelmeer. Bei der Auswertung dieser von 2011 bis 2013 durchgeführten Grabung, einem Kooperationsprojekt zwischen R. Jung und M. Pacciarelli (Universität Neapel Fedrico II, Italien), werden Fragen nach den wirtschaftlichen Grundlagen der Siedlung u. a. mittels Archäozoologie und -botanik sowie auf der Grundlage verschiedener Metallanalysen erforscht. Die regionale wirtschaftliche Einbindung wird mittels Strontiumisotopenanalysen der Tierzähne sowie der Herkunftsbestimmung von Keramik und Steinartefakten rekonstruiert. Die Kontakte zu anderen mediterranen Gebieten (vor allem der Ägäis), für die zahlreiche Belege vorliegen, werden anhand verschiedener Artefaktgattungen (mykenische und minoische Keramik, Kleinfunde verschiedener Materialien) wiederum auf archäologischem als auch archäometrischem Weg untersucht. – Förderungen: FWF-Einzelprojekt P23619-G19 (2011–2015); Gerda Henkel Stiftung Forschungsprojekt AZ 04/V/13 (2013–2016).
  2. Krieg und Frieden zwischen dem mykenischen Griechenland und dem bronzezeitlichen Italien - Dieses Projekt widmet sich einer Rekonstruktion der Kontakte zwischen dem spätmykenischen Griechenland und dem bronzezeitlichen Italien auf der Basis archäometrischer Daten zur metallurgischen Produktion und dem Austausch von Fertigprodukten. Chemische und massenspektrometrische sowie metallographische Analysen von Metallobjekten aus Bronze, Kupfer und Blei, die in verschiedenen Regionen Griechenlands und Italiens gefunden wurden, bilden die Materialgrundlage des Projekts. Es wird von R. Jung in Kooperation mit M. Mehofer (VIAS, Universität Wien), E. Pernicka (Universität Heidelberg, Deutschland) sowie zahlreichen griechischen und italienischen Kolleg/inn/en durchgeführt. Die Datengewinnung ist abgeschlossen; derzeit wird die monographische Abschlusspublikation vorbereitet. – Förderungen: Institute for Aegean Prehistory (INSTAP) 2007 und 2008.
  3. Ada Tepe – Zentralbalkan - An dem von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Münster ausgegrabenen Fundort Ada Tepe wurden ein bronzezeitlicher Goldbergbau sowie Siedlungsstellen freigelegt, deren Nutzungszeit sich über mehrere Jahrhunderte des späten zweiten und frühen ersten Jahrtausends v. u. Z. erstreckt. Die modernen Grabungsergebnisse bieten die Möglichkeit, die lokale Ökonomie anhand sehr umfangreicher Daten zu rekonstruieren und in ihrer zeitlichen Entwicklung nachzuvollziehen. Außerdem bietet der Goldbergbau erstmals die Möglichkeit, konkrete Hypothesen zur lange kontrovers diskutierten Frage zu testen, welche ökonomischen Grundlagen der auch am Ada Tepe direkt belegte Kontakt zwischen der mykenischen Welt und den Bevölkerungsgruppen zentralbalkanischer Regionen hatte. Verschiedene archäologische und archäometrische Untersuchungen werden hierfür die Basis liefern. Das Projekt ist eine Kooperation von B. Horejs (Projektleiterin, OREA) und R. Jung (OREA) mit K. Nikov, H. Popov, R. Stoychev und Z. Tsintsov (Bulgarische Akademie der Wissenschaften, Sofia, Bulgarien), A. Jockenhövel (Münster, Deutschland), M. Mehofer (VIAS, Universität Wien) und E. Pernicka (Universität Heidelberg, Deutschland). – Förderung: FWF-Einzelprojekt 28451-G25 (ab 15.1.2016).
  4. Ájios Wassílios – Peloponnes - In diesem unter der Leitung von A. Vasilogamvrou in Ausgrabung befindlichen mykenischen Palast in Lakonien (Peloponnes) können erstens anhand einer durchgehenden modern gegrabenen Stratigraphie Aufstieg und Fall einer mykenischen Palastregion vor dem Hintergrund ihrer wirtschaftlichen und politischen Entwicklung studiert werden. Zweitens lassen sich die externen Beziehungen dieser palatialen Region insbesondere nach Italien und Kreta anhand der in Ájios Wassílios gefundenen Keramik untersuchen. Dieses Fundmaterial, dessen archäologische Bearbeitung in den Händen von E. Kardamaki liegt, bildet den Hauptgegenstand eines 2015 begonnenen Projekts. Grundlegend ist die Erstellung einer chronologischen Sequenz der in Ájios Wassílios festgestellten Bau- und Zerstörungshorizonte. Daneben werden archäometrische Analysen zur Keramikproduktion, -verbreitung und -nutzung durchgeführt. Schließlich wird es darum gehen, einen Beitrag zur Rekonstruktion der Entwicklung des mykenischen Lakonien von der frühmykenischen Epoche (17. Jh. v. Chr.) bis zum Ende der Palastzeit (13. Jh. v. Chr.) zu liefern. Ausgehend von der Gunstsituation dieser modernen Grabung kann darüber hinaus auch die ökonomisch-politische Rolle des mykenischen Palastsystems im Kontext des bronzezeitlichen Mittelmeerraums neu bewertet werden. – Förderung: INSTAP 2015; FWF-Einzelprojekt P28023-G25 (ab 1.8.2015).
  5. The Collapse of Bronze Age Societies in the Eastern Mediterranean: Sea Peoples in Cyprus? - Gegenstand des Projektes, das von Peter M. Fischer geleitet wird, ist die sog. Umbruchszeit um 1200 im östlichen Mittelmeer mit speziellem Fokus auf Zypern. Als wichtiger Handelsknotenpunkt des Ostmittelmeerraumes spielte die Insel in der Spätbronzezeit eine herausragende Rolle und war daher wohl auch vom „Kollaps“ des internationalen Handels in der Spätbronzezeit besonders betroffen. Eine Erklärung für diese Umbrüche ist die Einwanderung sog. Seevölker aus Süd-/Südosteuropa, deren physische Präsenz auf Zypern jedoch bislang nicht nachgewiesen werden konnte. Umfassende Studien des Grabungsmaterials aus Hala Sultan Tekke und vergleichende Studien mit weiteren Fundplätzen auf Zypern (Sinda, Enkomi, Pyla, Kition, Maa-Palaeokastro, Kouklia-Palaepaphos) sollen im Rahmen des Projektes vorgenommen werden. Die Bearbeitung der Keramik wird von Teresa Bürge durchgeführt. Darüber hinaus sollen Provenienzstudien von Keramik (Petrographie und INAA), Radiocarbondatierung, Strontiumisotopenanalysen und klimatologische Studien sollen Aufschluss über die mögliche Präsenz von Einwanderern aber auch über wirtschaftliche und politische Umstrukturierungen auf Zypern geben. – Förderung: The Swedish Research Council (Vetenskapsrådet), project no. 2015-01192 (1.1.2016–31.12.2019)
  6. Keramik des 13. bis 11. Jahrhunderts v. u. Z. auf Zypern – östliches Mittelmeer - Gegenstand dieses von R. Jung durchgeführten Projekts ist die Untersuchung von Keramikfunden der drei zyprischen Siedlungen von Énkomi, Pýla-Kokkinókremos und Maa-Paläókastro. Es liefert neues Datenmaterial zur Erforschung der Außenkontakte der Insel am Ende der Bronzezeit, wobei die archäologische Untersuchung durch chemische Analysen zur Herkunftsbestimmung mittels NAA (Kooperation mit H. Mommsen, Bonn, Deutschland) sowie mittels einer Kooperation zur Bearbeitung der kanaanitischen Amphoren (T. Pedrazzi, Rom, Italien) ergänzt wird. – Förderung: INSTAP 2010.
  7. Deir el-Medine – Ägypten und Ägäis - In diesem Kooperationsprojekt zwischen R. Jung und L. Bavay (Brüssel, Belgien) werden neu entdeckte mykenische Keramikfunde aus Deir el-Medine, der Siedlung und Nekropole der im Tal der Könige beschäftigten Arbeiter, untersucht und dokumentiert, wobei eine der wichtigsten Fragestellungen jene nach der ökonomischen und sozialen Bedeutung mykenischer Exportgüter in Ägypten ist.

Das Zentral-Café


© R. Jung

Um zu verstehen, welche archäologischen Korrelate Rückschlüsse auf die Produktionsverhältnisse zulassen, ist es nötig, sich mit den theoretischen Grundlagen von Produktion, Eigentum an Produktionsmitteln, Tausch und der Entstehung des Warencharakters von Produkten zu beschäftigen. Ein Ort hierfür kann das Zentral-Café sein, ein Diskussionskreis, der am 7. November 2014 zu diesem Zweck gegründet wurde und dessen Teilnehmer/innen aus mehreren Institutionen sowie verschiedenen archäologischen und sozialanthropologischen Disziplinen stammen und zu unterschiedlichen Zeiten der Menschheitsgeschichte – vom Neolithikum bis zur Neuzeit – arbeiten. Die gemeinsamen Ziele bestehen in der Beschäftigung mit den grundlegenden Texten der ökonomischen Theorie – beispielweise dem „Kapital“ von Karl Marx – und der Diskussion spezifischer Fallbeispiele aus Archäologie und Sozialanthropologie. Aus diesen Diskussionen können Arbeitsgruppen zur Umsetzung neuer Forschungsansätze und -projekte aus dem Bereich von Ökonomie und materialistischer Archäologie hervorgehen. 

Ausblick


Im Rahmen des Projekts Punta di Zambrone wurde unter der Leitung von R. Jung vom 16. bis 18. April 2015 der Workshop „1200 B.C.E. A Time of Breakdown – a Time of Progress in Southern Italy and Greece“ am Österreichischen Historischen Institut Rom (ÖHI) abgehalten. Die Ergebnisse des Projekts konnten der internationalen Fachwelt vorgestellt und mit Experten diskutiert werden, die zeitgleiche Fundorte in Süditalien und Griechenland erforschen und ihrerseits Ergebnisse ihrer laufenden Forschungen präsentierten. Derzeit wird die Publikation der Tagungsakten vorbereitet, die den ersten Band einer Reihe zu Punta di Zambrone bilden soll.