The Mycenaean Aegean

Cultural Dynamics from the Middle Bronze to the Early Iron Age


Die Burg von Mykene (© B. Eder)

Allgemeine Voraussetzungen und Ziele


Ein traditioneller Forschungsschwerpunkt der Abteilung Ägäis & Anatolien besteht in der Beschäftigung mit den bronzezeitlichen Palast- und Schriftkulturen des 2. Jts. v. Chr. in der Ägäis (sowie ihrer Genese und Transformation). Die Forschungsgruppe greift diese lange und starke Tradition an der ÖAW auf, indem sie alle laufenden größeren und kleineren Projekte bündelt, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der mykenischen Kultur und den mittelbronzezeitlichen Strängen ihrer Genese (minoisches Kreta, mittelhelladisches Festland) beschäftigten. Dies betrifft Arbeiten und Projekte zu den politischen Strukturen des mykenischen Griechenland und seiner politischen Geographie, über die nördlichen und westlichen Regionen des mykenischen Griechenland, die Beziehungen zwischen dem griechischen Festland und Kreta während der späten Bronzezeit, die schriftlichen Zeugnisse der Linear B-Tafeln, über mykenische Religionsausübung und Rituale, aber auch zu mittelhelladischen und frühmykenischen Bestattungen und Gräbern. Der geographische Raum umfasst alle Gebiete der mykenischen Kultur von Thessalien bis Kreta und von den Ionischen Inseln bis zur Dodekanes und der kleinasiatischen Küste von Milet bis Halikarnass. Die analytischen Arbeiten werden durch Einzelprojekte ergänzt, die sich mit der Publikation von Ausgrabungsfunden beschäftigen (eine Zusammenstellung aller laufenden Projekte und ihrer Bearbeiter unter 5.).

Ein unmittelbares Ziel der Forschungsgruppe besteht in der Integration aller relevanten Projekte unter einer theoretischen Klammer, innerhalb derer es gelingen soll, Schnittmengen zwischen den Projekten und Arbeitsvorhaben der Forschungsgruppe herzustellen. Durch den wissenschaftlich fachspezifischen Austausch sind als Mehrwert für alle Beteiligten einerseits die Bereicherung ihrer individuellen Arbeiten und Forschungsansätze und andererseits die Gestaltung weiterführender Forschungsfragen durch die Herstellung theoretischer Bezüge zwischen den Projekten zu erwarten.
Neben dem Ziel einer theoretischen Klammer zwischen den Projekten besteht weiterhin der Anspruch, die traditionellen Qualitäten der Forschungsarbeiten an der ÖAW fortzuführen, die auf einer gründlichen und umfassenden Kenntnis des Quellenmaterials gründen. Dies impliziert das intensive Studium der materiellen (und schriftlichen) Kultur und entsprechend spezialisierte Einzelstudien von Materialgruppen sowie die Weitergabe des entsprechenden Know-hows an ProjektmitarbeiterInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen. 

Die theoretische Klammer: Die soziale Konstruktion von Kultur


„Things and society co-produce each other. (…) Certainly human-made artifacts are not isolated because they by definition depend on humans: all things that depend on a wider social context and many relationships between things are constructed by human purpose.“ (I. Hodder, Entangled: An Archaeology of the Relationships between Humans and Things, Oxford 2012, 2–3.) Weil Kultur ein System an gelernten Verhaltensmustern darstellt, das für eine Gesellschaft charakteristisch ist und durch die Praxis hergestellt und durch Praxis immer wieder reproduziert wird, aber auch verändert werden kann, ist Kultur als soziales Produkt zu begreifen. Kultur als Ergebnis der Interaktion von Menschen in ihren politischen, hierarchischen, wirtschaftlichen, familiären, geschlechtsspezifischen, religiösen und anderen sozialen Beziehungen untereinander betrifft auch alle Aspekte der materiellen Kultur und ihrer Produktion (Schlagwort „Materiality“).

Dies gilt auch für die mykenische Kultur, die im Zeithorizont zwischen 1700–1070 v. Chr. einen speziellen materiellen Charakter trägt, der sich in Gräbern (Grabformen, Bestattungssitten, Beigaben), Palästen (Architektur, Fresken, Verwaltung), Heiligtümern, Schrift und mobilem Inventar (Keramik, Waffen, Schmuck, Siegel, etc.) manifestiert. Von Beginn der Schachtgräberzeit des 17. Jhs. v. Chr. bis zum Ende der Palastzeit um 1200 v. Chr. ist der gezielte Einsatz der materiellen Kultur zur Gestaltung sozialer Hierarchien und Strukturen erkennbar, die während der Nachpalastzeit des 12. und frühen 11. Jhs. v. Chr. zunehmende Auflösung erfuhren, bis sie am Ende der mykenischen (Kultur)Epoche vielfach von neuen kulturellen Phänomenen der frühen Eisenzeit des frühen 1. Jts. v. Chr. abgelöst wurden. Das betrifft den Bau von Tholos- und Kammergräbern mit Grabkammern und Dromoi, die Herausbildung von sozialhierarchisch und geschlechtsspezifisch unterschiedlich gestalteten Sets von Grabbeigaben, die Entwicklung von standardisierten Geschirrsätzen glanztonbemalter, scheibengedrehter Keramik, die Übernahme figürlicher Motive aus dem minoischen Kreta, die Gestaltung von religiös konnotierten Figurinen und Statuetten, die industrielle Produktion von ideologisch geprägten Ornamenten aus importierten Materialien (Elfenbein, Glas, Halbedelsteine) und ihre Verteilung in den Rängen der sozialen Pyramide, die eigenständige Umsetzung eines aus dem minoischen Kreta übernommenen Schrift- und Verwaltungssystems auf dem griechischen Festland u.v.a.m. Die Zeit von mehr als 600 Jahren zwischen MH III/SH I und SH IIIC/SubM (ca. 1700–1050 v. Chr.) gliedert sich in 1. Die formative Phase der frühmykenischen Zeit (MH III–SH II A/B), 2. Die Frühe Palastzeit (SH IIB/IIIA), 3. Die Hohe Palastzeit (SH IIIA2–IIIB Ende) und 4. Nachpalastzeit (SH IIIC/SubM) und lässt gleichermaßen Konstanten wie Veränderungen in der materiellen Kultur beobachten.

Die verschiedenen Projekte der Forschungsgruppe widmen sich unterschiedlichen Aspekten der materiellen Gestaltung der mykenischen Kultur bzw. ihren Voraussetzungen in der mittelhelladischen Kultur des griechischen Festlands oder des neopalatialen Kreta einerseits und ihrer Transformation in die früheisenzeitlichen Kulturen des frühen 1. Jts. v. Chr. andererseits. Die Vernetzung und Verklammerung geschieht in einer Seminargruppe, die Mittel und Wege, Voraussetzungen und Konsequenzen der sozialen (Re)produktion der materiellen Kultur der mykenischen Epoche über theoretische Diskussionen gemeinsam erarbeitet. 

Seminargruppe „Blue Circle: Discussions in Mycenaean Archaeology“


Im Rahmen von internen Seminaren arbeitet die Forschungsgruppe gemeinsam an aktuellen theoretischen Themen und Konzepten durch die Aufbereitung theoretischer kultur- und sozialanthropologischer Literatur. So sind ab dem Start der Seminargruppe im Juni 2014 sukzessive aktuelle Themen wie Materiality, Agency, Performativität, Bourdieus Habitus, Lefevbres Sozialer Raum, Laquers Ein-Geschlecht-Modell u. ä. vorgesehen. Hier geht es einerseits um den heuristischen Wert theoretischer Konzepte für das Verständnis der mykenischen Kultur und andererseits um deren konkrete Umsetzung in der Arbeit an den individuellen Forschungsprojekten der Mitglieder der Forschungsgruppe.

Diese theoretischen Perspektiven lassen sich für bestimmte Themen und Aspekte umsetzen, die aktuelle Projekte der Abteilung betreffen, und die Ausarbeitung neuer Themenkomplexe begünstigen:

  • Religion und Ideologie (Heiligtümer, ideologisch geprägte Symbolsprache, Feste, Prozessionen, Götter, Gräber, Figurinen)
  • Politische Geographie (Gestaltung von Raum)
  • Genese der mykenischen Kultur (frühmykenische Gräber, Kakovatos)
  • u.a. mehr

Mitglieder der Seminargruppe sind die verschiedenen OREA-MitarbeiterInnen der Forschungsgruppe, der aber auswärtige Gäste und Nachwuchswissenschaftler (DoktorandInnen) und KollegInnen aus anderen Forschungsgruppen willkommen sind. Ziel ist hier eine intensive und belebte Austauschatmosphäre. In unregelmäßigen Abständen finden Treffen der Seminargruppe mit konkret vorbereiteten Themen statt.

Außerdem bildet die Diskussionsgruppe die Plattform der Kommunikation nach außen. Die Seminargruppe entscheidet sich nach Maßgabe der Möglichkeiten für die Umsetzung eines tragfähigen theoretischen Konzepts in Themen der Ägäischen Archäologie, die dann als Grundlage für die Organisation internationaler Tagungen bilden. Die Veranstaltungen der Diskussionsgruppe tragen einen durchgängigen Namen, durch den ein Wiedererkennungswert gegeben ist: 

Blue Circle: Discussions in Mycenaean Archaeology


Durch die Publikation der „Blue Circles: Discussions in Mycenaean Archaeology“ wird ein wichtiges gemeinsames Kommunikationsfenster zur „Scientific Community“ geöffnet, das neben den individuellen Projekten und Publikationen der Forschungsgruppe bestehen soll. 

Ziele und Arbeitsprogramm


Aus den obenstehenden Punkten ergeben sich folgende unmittelbare Ziele:

  • Theoretische sozialanthropologische und kulturwissenschaftliche Diskussionen und Perspektiven für die Arbeit an den Einzelprojekten fruchtbar zu machen und mögliche konzeptionelle Schnittmengen herauszuarbeiten,
  • Wissenschaftlich-fachliche Kommunikation / Diskussion untereinander zu beleben.
  • Einzelprojekte durch theoretische Klammer zu vernetzen,
  • innovative Fragestellungen auszubilden, um auch international zur Gestaltung von Forschungsthemen beizutragen, die
  • in internationalen Round Tables diskutiert und publiziert werden und dadurch
  • die internationale Sichtbarkeit des Forschungsstandorts ÖAW gewährleisten.
  • Anschlussfähigkeit an andere Forschungsgruppen und Projekte anderer Abteilungen sowie einzelne interessierte Kollegen und KollegInnen herzustellen