Bernhard Hänsel (1937 – 2017)

Wir betrauern den Tod von Bernhard Hänsel, einem der bedeutendsten europäischen Archäologen des 20. Jahrhunderts!


Bernhard Hänsels akademisches Wirken wird aufgrund seiner enormen Publikationsleistung sowie der von ihm geprägten „Berliner Schule“ weit über sein persönliches Ableben hinaus fortleben. Sein bereits früh von ihm gewählter Forschungsschwerpunkt zu den Metallzeiten im Karpatenbecken und in Südosteuropa führte zu grundlegenden Studien, die bis heute Maßstäbe in der Balkanarchäologie und darüber hinaus setzen. Das Fundament dazu bilden seine Dissertation „Beiträge zur Chronologie zur mittleren Bronzezeit im Karpatenbecken“ (1964, veröffentlicht 1968) und seine Habilitationsschrift „Beiträge zur regionalen und chronologischen Gliederung der älteren Hallstattzeit an der unteren Donau“ (1972, veröffentlicht 1976). Die von ihm 1982 initiierte und herausgegebene Reihe zur „Prähistorischen Archäologie in Südosteuropa“ (PAS) ist in mittlerweile 30 Bänden erschienen, die sich an den von ihm gelegten Standards zur archäologischen Grundlagenforschung orientieren. Diese Reihe beinhaltet nicht nur die mehrbändigen Ergebnisse seiner eigenen Ausgrabungen inklusive seiner eigenen Schriften, sondern auch umfassende Studien seiner Schülerinnen und Schüler zu Forschungen auf dem Balkan.

Sein großes Verdienst ist dabei die Verknüpfung der von Gero von Merhart begründeten Marburger Tradition einer materialbasierten formenkundlichen und chronologischen Analyse mit der Heidelberger Schule unter Vladimir Milojčić der grenzüberschreitenden archäologischen Forschung zu einer eigenen, von ihm geprägten Berliner Schule. Diese ist von seinem grundlegenden Ansatz geprägt, soziale und historische Bilder der Vergangenheit zu entwerfen, für die er alle zur Verfügung stehenden Quellen nutzte. Dieser Anspruch spiegelte sich auch in seinen bereits seit den 1980er Jahren durchgeführten interdisziplinären Ausgrabungen wider. In seinen Grabungsteams waren Geologen, Geographen, Geophysiker, Archäozoologen und Archäobotaniker selbstverständlich integriert und in die Publikationen eingebunden. Die von ihm entwickelten historischen Interpretationen bronzezeitlicher Gesellschaften laufen dabei nicht zufällig entlang von Bruchlinien, die er nutzte, um entscheidende kulturelle Veränderungen festzumachen. Die genaue Kenntnis von materiellen Hinterlassenschaften bildete dafür sein Fundament, das er als notwendige Voraussetzung eines kompetenten Archäologen auch von seinen Schülerinnen und Schülern nachdrücklich einforderte und erwartete.

Nach seinem Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin, gefolgt von Jena, Heidelberg und Wien, folgte eine kurze Assistenzzeit in Heidelberg (1964) und das Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts (1965). Seine weitere Karriere führte ihn als Hochschulassistent nach Bochum (1966–1972) und als Dozent nach Erlangen (1973–1976), von wo ihn schließlich der Ruf an den Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte nach Kiel (1976–1981) holte. Mit seiner Berufung an den Berliner Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der Freien Universität 1981 bis zu seiner Emeritierung 2006 baute er das spätere Seminar für Prähistorische Archäologie sukzessive zu einem pulsierenden Zentrum unseres Faches aus. Sein Institut wurde zu einem Anlaufpunkt für Kollegen und Kolleginnen sowie vieler internationaler Studierender, besonders aus Südosteuropa. Die von ihm ausgebildeten nachfolgenden Generationen von Archäologen sind heute aktiv tätig, sowohl innerhalb Deutschlands als auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern.

Bernhard Hänsel verantwortete seit 1982 die Hauptherausgabe der Prähistorischen Zeitschrift, betreute seit 1985 die Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, seit 1996 das Archäologische Nachrichtenblatt und die von ihm mit-initiierte und herausgegebene Reihe Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie. Die erwähnte Reihe zur Prähistorischen Archäologie Südosteuropas gründete er 1982, die Vorgeschichtlichen Forschungen gab er seit 1990 heraus. Er war Mitglied der Südosteuropa-Gesellschaft, in der Südosteuropa-Kommission der Göttinger Akademie der Wissenschaften, der Römisch-Germanischen Kommission, der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft sowie der Sächsischen und der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Ab 1990 vertrat er unser Fach in der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts.

Bernhard Hänsel folgte in seinem akademischen Wirken seiner Neugier historischer Entwicklungen auf dem Balkan, wo er große Siedlungsgrabungen durchführte. Nach Kastanas in Nordgriechenland (1975–1979) folgten die Ausgrabungen in Feudvar (Serbien) ab 1986, die er aufgrund des Krieges abbrechen musste. Auf seine Untersuchungen der Toumba von Agios Mamas (Prähistorisches Olynth, 1994–1996) in Nordgriechenland schlossen schließlich die Ausgrabungen in Monkodonja, Istrien (1997–2007) an. Eine der ersten und seiner eigenen Einschätzung nach wichtigsten Grabungen hatte er bereits in den späten 1960er Jahren (1965–1967) in Policoro (Basilicata), einer der ältesten griechischen Kolonien in Italien, durchgeführt. Seine akademische Vorbildrolle ist wohl auch mit den Standards seiner Ausgrabungen und vor allem deren umfangreicher mehrbändiger Veröffentlichung zu erklären. Es bleibt eine beeindruckende Leistung, in welcher Weise Bernhard Hänsel neben seinem vielfältigen wissenschaftlichen Engagement diese Publikationen seiner Grabungen gelungen sind. Schließlich war Bernhard Hänsel in erster Linie ein Hochschullehrer, der nicht nur eine enorme Anzahl an Magistranten und Doktoranden betreut hat, sondern auch regelmäßig unterrichtete. Unvergessen bleiben uns seine Diskussionsbereitschaft und sein stets offenes Ohr für seine Schülerinnen und Schüler.

Bernhard Hänsel war ein großer europäischer Archäologe. Er lebt in seinen Schriften und dem akademischen Wirken seiner Berliner Schule weiter und bleibt unvergessen!


Prof. Dr. Barbara Horejs
Direktorin OREA – Institut für Orientalische und Europäische Archäologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften