Erster Nachweis von Tiermilch als Babynahrung

Nature-Artikel von Katharina Rebay-Salisbury et al. belegt erstmals Tiermilch von Wiederkäuern in keramischen Babyflaschen aus prähistorischen Kindergräbern.

Muttermilch war für das Überleben von Babys und Kleinkindern in der Urgeschichte lebensnotwendig. Die Stilldauer, das Abstillalter und die Auswahl ergänzender Lebensmittel hat Auswirkungen auf die Kindersterblichkeit, Gesundheit und demographische Entwicklung prähistorischer Gemeinschaften. Daher ist es besonders wichtig zu ermitteln, welcher Inhalt in Gefäßen war, die zum Füttern von Babies und Kleinkindern gedient haben.

Erste Babyfläschchen – sogenannte Sauggefäße – sind bereits im Neolithikum (c. 5500–4800 v. Chr.) nachgewiesen, doch gehäuft finden sie sich in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit in Europa: in dieser Zeit legt der kontextuelle Zusammenhang mit Kindergräbern nahe, dass sie tatsächlich der Kinderernährung dienten. Das erhöhte Aufkommen der Gefäße in dieser Zeit fällt mit Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozessen zusammen. Sauggefäße ermöglichen es anderen Personen als der Mutter, elterliche Pflichten zu übernehmen.

Durch Katharina Rebay-Salisburys Kooperation zwischen dem Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Julie Dunne von der Universität Bristol ist es nun erstmals gelungen, Tiermilch von Wiederkäuern in drei kleinen Gefäßen nachzuweisen, die in Kindergräbern gefunden wurden. Chemische Finderabdrücke von Lipiden, die im keramischen Material der Gefäße absorbiert erhalten blieben, wurden durch Gaschromatographie (GC), Gaschromatographie-Massenspektrometrie (GC-MS) und Gaschromatographie-Verbrennungs-Isotopenverhältnis-Massenspektrometrie (GC-C-IRMS) eindeutig bestimmt.

Die Sauggefäße stammen aus den eisenzeitlichen Gräberfeldern Dietfurt-Tankstelle und Dietfurt-Tennisplatz in Bayern (ca. 800–450 v. Chr.), wo sie mit Bestattungen eines 0–6jährigen und eines etwa 1jährigen Kindes gefunden wurden, sowie aus einem Grab eines 1–2jährigen Kindes, das verbrannt im spätbronzezeitlichen Gräberfeld Augsburg-Haunstetten (ca. 1200–800 v. Chr.) niedergelegt wurde. Dies ist der erste direkte Nachweis, dass Milch von Schafen, Ziegen oder Kühen bereits seit etwa 3000 Jahren zur Fütterung oder Entwöhnung von Babys und Kleinkindern verwendet wird.

Die Ergebnisse wurden jetzt in „Nature“ veröffentlicht:
J. Dunne, K. Rebay-Salisbury, R. B. Salisbury, A. Frisch, C. Walton-Doyle & R. P. Evershed, Ruminant animal milk in ceramic baby bottles from European prehistoric child graves. Nature. Published September 25, 2019. doi: 10.1038/s41586-019-1572-x