Verbrannte Menschenknochen als Schlüssel zur Bronzezeit

Zeitliche Abfolgen, geschlechterspezifische Mobilität und familiäre Beziehungen im spätbronzezeitlichen Österreich


In der Spätbronzezeit (ca. 1300–800 v. Chr.) spiegeln große Friedhöfe mit mehreren hundert Bestattungen einen neuen Umgang mit den Toten wider: die Brandbestattung. Die neue Bestattungsart, ein dramatischer Zuwachs an Gräbern und die Ausdehnung der Siedlungsgebiete in neue Landschaften deuten auf einen Bevölkerungsanstieg hin, der möglicherweise mit Bevölkerungsbewegungen zusammenhängt.

Bis vor kurzem wurde das Verständnis der geografischen Herkunft und Mobilität der Menschen in der späten Bronzezeit durch eingeschränkte Analysemethoden für verbrannte Knochen erschwert. Durch neue bioarchäologische Methoden wie die Strontiumisotopenanalyse können nun Einheimische von Zugewanderten unterschieden und individuelle Mobilität sowie Bewegung von Gruppen untersucht werden. Zudem wurden neue Techniken der Alters- und Geschlechtsbestimmung sowie der Datierung verbrannter menschlicher Überreste entwickelt. Sie bieten neue Möglichkeiten, rituelle Praktiken und individuelle Lebensgeschichten zu rekonstruieren, um in weiterer Folge geschlechtsspezifische Mobilität und Familienbeziehungen zu erforschen. Frauen könnten durch Ehe- und Verwandtschaftsnetzwerke eine wichtige Rolle bei der Gestaltung spätbronzezeitlicher Gesellschaften gespielt haben.

Dieses interdisziplinäre Projekt untersucht erstmals in Österreich, ob 1.) die Einführung der Brandbestattung zu Beginn der Spätbronzezeit eine lokale Entwicklung war oder von Neuankommenden ausgelöst wurde; 2.) die Bestattung der verbrannten Überreste unmittelbar nach der Verbrennung stattfand oder ob Vorfahren über längere Zeit kuratiert wurden; 3.) geschlechtsspezifische Migrationsmuster entdeckt und erklärt werden können, und 4) gemeinsam bestattete Individuen in derselben oder einer unterschiedlichen Umgebung aufwuchsen.

Angewandte Methoden umfassen Strontiumisotopenanalysen menschlicher Überreste und Umweltreferenzproben zur Identifizierung lokaler und nicht-lokaler Individuen; osteologische Alters- und Geschlechtsbestimmung  von verbrannten menschlichen Überresten, Zahnzementanalysen sowie archäologische Alters-, Geschlechts- und Statusanalysen anhand von Grabbeigaben, um die Schnittpunkte von Identitätskategorien und Mobilität zu verstehen.

Die über 1000 Bestattungen der Gräberfelder Getzersdorf, Inzersdorf, Franzhausen-Kokoron und Statzendorf im Traisental umfassen die gesamte Spätbronzezeit bis in die frühe Eisenzeit (ca. 1300–600 v. Chr.). Um soziale Veränderungen während dieser Zeit zu verfolgen, wird durch die Kombination von Artefakt-basierten und Radiokarbondatierungen ein wissenschaftlich abgesicherter chronologischer Rahmen für die Spätbronzezeit geschaffen.

Die in diesem Projekt gewonnenen Daten werden unser Wissen über rituelle Praktiken, geschlechterspezifische Mobilität und soziale Beziehungen in der späten Bronzezeit in Niederösterreich erheblich erweitern und ein Bündel dringend benötigter Methoden weiterentwickeln, um die Geheimnisse verbrannter menschlicher Überreste zu entschlüsseln.