Prehistoric Phenomena


(© OREA)

Zentrales Thema der Forschungsgruppe Prehistoric Phenomena ist die synoptische Analyse von Fundplätzen des Neolithikums, des Chalkolithikums und der frühen Bronzezeit in Anatolien und der Ägäis aus einer überregionalen Perspektive. Diese Herangehensweise ermöglicht ein besseres Verständnis von Phänomenen, welche diese beiden großen Kulturräume miteinander verbinden. Sowohl Anatolien als auch die Ägäis sind Ausgangspunkte und Vermittler von prägenden kulturellen Phänomenen und Entwicklungen von historischer Bedeutung für die Menschheitsgeschichte, die den europäischen Kontinent formten. Der interdisziplinäre Forschungsansatz, und daraus resultierende Analysen, verbinden unsere Kenntnisse beider Kulturräume und sind entscheidend für das Verständnis von Ursachen und sozio-kulturellen Auswirkungen, was bisher durch unterschiedliche Forschungstraditionen und -ausrichtungen internationaler akademischer Schulen nur eingeschränkt möglich war. Die im Jahr 2014 eingerichtete Forschungsgruppe AAPP greift dieses Forschungsdesiderat auf und vereint Experten beider Regionen. Der Balkan als direkte Kontaktzone und Bindeglied zu Mitteleuropa wurde 2017 in diesen breiten geographischen Ansatz integriert. Die Fokussierung auf interregionale, urgeschichtliche Fragestellungen vom Neolithikum bis in die frühe Bronzezeit in diesem kulturellen Kerngebiet kann mithilfe systematischer Vergleiche zur Schaffung neuer Modelle und Konzepte beitragen, die in weiterer Folge in einem größeren geographischen und sozio-kulturellen Kontext eingebettet und bewertet werden können.

Archäologischer Kontext


Im Holozän, etwa vom 10. bis zum 3. Jahrtausend v. Chr., sind im Gebiet Anatoliens, der Ägäis und des Balkans entscheidende Veränderungen der menschlichen Gesellschafts- und Lebensmodelle zu beobachten, die bis heute prägend sind. Dazu zählen der tiefgreifende und nachhaltige Wandel zu den ältesten sesshaften Ackerbaukulturen im Neolithikum und der damit beginnenden Gestaltung des Naturraums durch den Menschen, verbunden mit einem grundlegenden Wandel gemeinschaftlicher Organisationsstrukturen. Die Veränderungen der soziokulturellen Strukturen dieser ersten sesshaften Gemeinschaften bis hin zur Entstehung erster proto-urbaner Gesellschaften im Verlauf der Kupfer- und Bronzezeit spiegelt eine grundlegende Veränderung wider, die sich in zahlreichen gleichzeitig einsetzenden Innovationen zeigt. Diese Dynamik lässt sich in Modellen und Konzepten beispielsweise zum Umgang mit Ressourcen und zum veränderten Zugang zu Rohstoffen darstellen und wird in der Entwicklung sozialer Hierarchien und spezialisierter Technologien sichtbar.

Der geographische Raum der archäologischen Kulturen dieser Forschungsgruppe umfasst vor allem das griechische Kerngebiet und seine nördlichen Küstengebiete, die ägäischen Inseln und Anatolien von seiner Westküste bis zum anatolischen Hochplateau sowie den nördlichen und zentralen Balkan. Überregionale Untersuchungen beziehen auch den gesamten Balkan, Anatolien, Nordmesopotamien, den östlichen Mittelmeerraum sowie die Levante mit ein.

Forschungskonzept


Aus den laufenden Forschungsprojekten in OREA zur Urgeschichte in Ägäis und Anatolien entwickeln sich laufend Fragestellungen überregionaler Natur. Die konkreten Arbeiten der Forschungsgruppe beinhalten derzeit folgende Fragenkomplexe:

  1. Statuetten in der Kupferzeit
    Unter Einbeziehung neuer Grabungsfunde aus Westanatolien und bislang unpublizierter Figurinen auf dem griechischen Festland ist eine überregionale Studie zu Statuetten aus dem 6. bis 4. Jahrtausend v. Chr. geplant. Dabei wird besonders Wert auf eine kontextuelle Betrachtung der Funde gelegt.

  2. Frühbronzezeitliche Keramiktechnologien, Produktion und Provinzen
    Die aus laufenden archäometrischen und archäologischen Studien zu Siedlungskeramik im 3. Jahrtausend entwickelten Forschungsfragen und Ergebnisse wurden im Rahmen einer internationalen Konferenz 2015 in Wien präsentiert und diskutiert.
    Die Basis dafür liefern Ergebnisse aus verschiedenen Projekten: Zum einen aus dem FWF Projekt „Interaction of Prehistoric Pyrotechnological Crafts and Industries“, in dem petrographische und chemische Untersuchungen an Keramik vom Çukuriçi Höyük mit breit angelegten Vergleichsstudien derzeit durchgeführt werden. Ergänzt werden diese Resultate durch NAA-Reihen an Keramik aus den prähistorischen Surveys im Umland von Pergamon. Zum anderen wurde im Zuge der Fundbearbeitung von Midea ein petrographisches Projekt gestartet, das auf der Basis petrographischer und chemischer Analysen eine Charakterisierung der frühbronzezeitlichen Keramikproduktion der Argolis und ihre Abgrenzung von den Nachbarregionen zu Ziel hat. In dieses Projekt fließt auch die Analyse von Keramik aus Tiryns ein. Ein weiteres Projekt dient der archäologischen und petrographischen Charakterisierung und Kontextualisierung der bisher kaum erforschten frühbronzezeitlichen Keramik Messeniens anhand der Keramik von Romanos.
    Die internationale Konferenz „Pottery Technologies and Sociocultural Connections between the Aegean and Anatolia during the 3rd millennium“ fand im Oktober 2015 statt. Die Publikation zu der Konferenz befindet sich derzeit in Vorbereitung.

  3. Lithics and Raw Materials
    Die laufenden Forschungen zu neolithischer bis chalkolithischer Steingerätetechnologie, deren Entwicklung, Verbreitung und soziokulturellen Deutung an verschiedenen Fundorten des Großraumes zeigen wesentliche neue Erkenntnisse. Die damit verbundenen Analysen der verwendeten Rohstoffe führten bereits zu ersten lokal konstruierten Modellen, deren regionale und interregionale Auswertung noch aussteht. Die Anfänge eigener geochemischer Untersuchungen von Flinten und Feuersteinen lässt in Zukunft wesentliche neue Erkenntnisse zur Rohstoffzirkulation erwarten. Den unterschiedlichen Modellen zur Distribution von Obsidianen könnten damit bedeutende Elemente hinzugefügt werden, die das Bild der verwendeten Ressourcen und ihre Produktions- und Verbreitungsprozesse deutlich erweitern.
    Im Fokus stehen neben Herstellungstechnologien auch neue Methoden der Rohstoffanalytik und ihre Vergleichbarkeit in der archäometrischen Auswertung.

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