DEEPDEAD – Die Toten der Vergangenheit und ihre Verwendung

Artefakte und menschliche Körper in soziokulturellen Transformationen


Tote, vor allem jene, die schon vor langer Zeit verstorben sind, spielen in der heutigen europäischen Gesellschaft eine immer aktivere Rolle und scheinen allgegenwärtig. Man denke zum Beispiel an die sterblichen Überreste des englischen Königs Richard III. in Leicester oder an jene von Miguel Cervantes in Madrid. Die Interaktionen mit Toten, seien sie physischer oder metaphorischer Art, dienen Gesellschaften und Individuen nicht selten dazu, gegenwärtige Identitäten zu bestätigen und sich zukünftiger Bestrebungen zu versichern. Aber warum und wie werden die Toten der Vergangenheit und mit ihnen assoziierte Objekte zum Auslöser von Kontroversen, Interessens- und Identitätskonflikten? Das DEEPDEAD-Projekt untersucht prähistorische und historische Begegnungen mit menschlichen Überresten vor allem im englischen und mitteleuropäischen Kontext aus der Perspektive der Literaturwissenschaft und der Archäologie und versucht ihrer kulturellen und sozialen Macht auf den Grund zu gehen. Durch die Gegenüberstellung einer Reihe von Fallstudien aus verschiedenen Epochen und Kulturen und unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Datenquellen soll aufgezeigt werden, was in unserem Umgang mit lange Verstorbenen konstant und was lokal bzw. historisch spezifisch ist. Unsere Forschung beleuchtet die Beziehung zwischen toten Körpern und Gemeinschafts- oder Nationalmythen. Sie untersucht, auf welche Art und Weise die Toten der Vergangenheit gebraucht werden, um historische Narrative zu untermauern oder anzufechten. Die Bedeutungen und Mechanismen des vergangenen Umgangs mit diesen Toten zu entziffern und die Erkenntnis für gegenwärtige Entdeckungen und Dilemmata zu nutzen, ist das zentrale Ziel des DEEPDEAD-Projekts.

Das österreichische DEEPDEAD-Team widmet sich prähistorischen und historischen toten Körpern und Gräbern, welche Hinweise auf Störung, Modifikation oder Wiederverwendung liefern. Die Analyse soll ein besseres Verständnis der Dynamik und Variabilität im Umgang mit Toten von der Urgeschichte bis heute ermöglichen. Das Team erstellt ein österreichisches Fundortsverzeichnis, das Informationen über bearbeitete Skelettteile, fragmentarische menschliche Überreste, Wiederverwendung von Begräbnisstätten und gestörte oder beraubte Gräber enthält. Ein weiterer Untersuchungsstrang befasst sich mit der Frage, ob jedem Toten die Rolle eines Agens, also einer handlungstreibenden Kraft, zukommen kann oder nur einigen auserwählten. Die Analyse basiert auf archäologischen Schlüsselfundorten Österreichs aus verschiedenen Zeitepochen, die auf eine lange Forschungsgeschichte, und zwar vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, zurückblicken. Das sorgfältige Studium und Data-Mining von Informationen zu diesen Fundstätten, wie sie in archäologischen Berichten, z. B. Mitteilungen der K.K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale und Fundberichte aus Österreich, Zeitungsartikeln und Schulbüchern dokumentiert sind, soll die Veränderungen der Einstellung zu toten Körpern im archäologischen Kontext sowohl von Seiten der Wissenschaft als auch der Öffentlichkeit über den Verlauf von mehr als eineinhalb Jahrhunderten aufzeigen. Die Gegenüberstellung des Umgangs mit Grabfunden und Skeletten während der Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, in der Zwischenkriegszeit, im Zweiten Weltkrieg und in den Nachkriegsjahren sollte eine Vorstellung davon liefern, wie spezifische politische Umstände den Umgang mit den Toten der Vergangenheit geprägt haben.

Die Ergebnisse des DEEPDEAD-Projekts werden in Ausstellungen, öffentlichen Konferenzen, sozialen Medien und wissenschaftlichen Publikationen verbreitet. Die Dissemination zielt auf eine informierte Reflexion über die Ursachen unserer Faszination mit lange Verstorbenen ab. Die Ergebnisse des Projekts sind auch für Denkmalschutzbeauftragte und politisch Verantwortliche von Nutzen, da sie es erleichtern, auf aktuelle Entdeckungen zu reagieren und Probleme, die diese möglicherweise hervorrufen zu antizipieren. Die Erkenntnisse liefern auch einen wichtigen Impuls für einen angemessenen und sensiblen Umgang mit menschlichen Überresten aus archäologischen Ausgrabungen.