Mikrotaphonomie und Interpretation von wiedergeöffneten Gräbern

in Zentraleuropa vom späten Neolithikum
bis zum frühen Mittelalter


Sehr häufig ruhen menschliche Überreste in Gräbern nicht ewig ‚in Frieden‘. Überall auf der Welt werden Gräber wiedergeöffnet, zum Beispiel als Teil der Begräbnishandlungen, zur Entfernung von Grabbeigaben oder Körperteilen aus symbolischen Gründen, als Teil von Ahnenkult oder ganz einfach zur Beraubung aus materialistischen Gründen. Historische und ethnographische Quellen überliefern eine ganze Reihe von Gründen und Umständen, in denen Gräber wiedergeöffnet werden.

Der Ausgangspunkt dieses Projektes ist die Ansicht, dass Graböffnungen eine historische Quelle darstellen, welche uns über Einstellungen und Glaubensvorstellungen in Bezug auf Gräber, Objekte und menschliche Überreste in Gräbern Auskunft geben. Das Ziel ist es, durch die diachronische Untersuchung des Phänomens Graböffnung und seiner Hintergründe in den jeweiligen archäologischen und historischen Zusammenhängen unser Verständnis von ur- und frühgeschichtlichen Menschen zu verbessern. Im Zentrum der Untersuchungen stehen neuere Ausgrabungen von spätneolithischen bis frühmittelalterlichen Gräbern in Zentraleuropa, mit einem Schwerpunkt auf dem späten Neolithikum und der frühen Bronzezeit sowie der späten Römerzeit und dem frühen Mittelalter in Ostösterreich. Viele Körpergräber in diesen Perioden wurden wiedergeöffnet und in den meisten Fällen wurden Grabbeigaben entfernt. Das Phänomen wird daher gemeinhin als ‚Grabraub‘ bezeichnet und soll in diesem Projekt ebenfalls mit neuen Ansätzen analysiert und diskutiert werden.

Das Projekt ist interdisziplinär und bildet eine Synthese aus naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Zielsetzungen und Forschungsmethoden. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Annahme, dass die Kenntnis der Mikrotaphonomie eines wiedergeöffneten Grabes entscheidend für die Erforschung und Interpretation ist: Taphonomie inkludiert alle natürlichen und menschlichen Vorgänge die einen archäologischen Befund geformt haben. Eine Zielsetzung dieses Projektes ist es daher, eine neue Untersuchungsmethode für wiedergeöffnete Gräber zu entwickeln, die auf der Taphonomie beruht. Diese Methode wird verwendet werden, um Originaldokumentationen von früheren Ausgrabungen neu auszuwerten und wiedergeöffnete Gräber neu zu interpretieren. Im methodischen Teil des Projektes wird durch Feldforschung untersucht, welche taphonomischen Informationen über wiedergeöffnete Gräber gewonnen werden können, wenn mit besonderem Augenmerk auf den Befund der Wiederöffnung ausgegraben wird. Die Methode ‚Archaeothanatology‘ (Duday 2009) wird bei der Entwicklung der Methodologie berücksichtigt werden.

Frühbronzezeitliches Grab Weiden am See


Im Herbst 2013 wurde ein wiedergeöffnetes frühbronzezeitliches Grab in Weiden am See, Burgenland mikrostratigraphisch ausgegraben, um möglichst viele Informationen über den Formationsprozess des Grabes zu gewinnen. Die Auswertung der Bodendünnschliffe brachte wichtige Ergebnisse zur Taphonomie und zur Wiederöffnung des Grabes (Aspöck, Banerjea 2016).

Die detaillierte photographische Dokumentation des Grabes während der Ausgrabung ermöglichte die Erstellung eines 3D Modelles, von dem wiederum ein kleiner Film gemacht wurde, der den Ausgrabungsprozess des Grabes rekonstruiert und die Lage der ausgewerteten Bodendünnschliffe zeigt.

Video der Ausgrabung eines frühbronzezeitlichen wiedergeöffneten Grabes in Weiden am See basierend auf 3D Modell (© S. Stuhec 2016)

Grave Reopening Research (GRR) Group


Im Jänner 2017 wurden neue Ergebnisse zu Graböffnungen im 6. Jahrhundert n. Chr. in Niederösterreich beim Workshop Grave disturbance in early medieval Europe. International symposium 2017 in Stockholm vorgestellt. Der Workshop wurde von Alison Klevnäs im Rahmen der Grave reopening research working group veranstaltet.

Vorträge (Auswahl)

Vorträge (Auswahl)

  • Reopening of Langobard-period graves in eastern Austria (6th c. AD) (E. Aspöck), International Symposium ‘Grave disturbance in early medieval Europe’, Stockholm University (12.1.2017).
  • Reopening the dead: a microtaphonomic approach to post burial practices (E. Aspöck, R. Y. Banerjea), Research seminar, University of Reading, UK (25.2.2016).
  • Microtaphonomy of reopened graves in context, session: Grave disturbances (E. Aspöck), EAA Glasgow (3.9.2015)
  • Interpreting reopened graves: a multi-dimensional approach to the archaeological evidence (E. Aspöck), Conference ‘Expanding boundaries’, UCL London (24.10.2014)
  • Analysing the (micro)taphonomy of reopened graves (E. Aspöck), Conference ‘Motifs through the Ages’ Bytów, Polen (16.10.2014).

Publikationen

Publikationen

  • E. Aspöck, R. Y. Banerjea, Formation processes of a re-opened early Bronze Age inhumation grave in Austria: The soil thin section analyses, Journal of Archaeological Science Reports 10, 2016, 791–809. DOI: 10.1016/j.jasrep.2016.07.003.
  • E. Aspöck, Book review: Angelika Abegg-Wigg, Nina Lau (Hrsg.), Kammergräber im Barbaricum: Zu Einflüssen und Übergangsphänomenen von der vorrömischen Eisenzeit bis in die Völkerwanderungszeit. Internationale Tagung, Schleswig, 25.–27. November 2010. Schriften des archäologischen Landesmuseum, Ergänzungsreihe 9. Wachholtz, Neumünster – Hamburg 2014, 448 Seiten, 266 Farb- und s/w Abbildungen, Paperback, ISBN 978-3-529-01879-4, Archaeologia Austriaca 100, 2016, 300–303. DOI: 10.1553/archaeologia100s300.
  • E. Aspöck, M. Fera, 3D-GIS für die taphonomische Auswertung eines wiedergeöffneten Körpergrabes, AGIT – Journal für Angewandte Geoinformatik 1, 2015, 2–9. DOI: 10.14627/537557001.
  • E. Aspöck, Cross-cultural interpretations and archaeological context: a reopened early Bronze Age grave in Weiden am See, Austria. In: L. Gardeła, K. Kajkowski (eds.), Limbs, Bones and Reopened Graves in Past Societies. Motifs Through the Ages 2, Bytów 2015, 21–46.
  • E. Aspöck, Funerary and post-depositional body treatments at the middle Anglo-Saxon cemetery Winnall II: norm, variety and forms of deviance? In: Z. L. Devlin, E.-J. Graham (eds.), Death Embodied. Archaeological Approaches to the Treatment of the Corpse. Studies in Funerary Archaeology Series, Oxford 2015, 86–108.
  • E. Aspöck, Book review: Chris Fowler. The Emergent Past: A Relational Realist Archaeology of Early Bronze Age Mortuary Practices. Oxford, Oxford University Press, 2013, 352pp. 26 b/w illustr., 14 maps, 6 charts, 25 tables, hbk, ISBN 978-0-19-965637-0, European Journal of Archaeology 18, 4, 2015, 731-734. DOI: 10.1179/1461957115Z.000000000150.
  • E. Aspöck, Über die Variabilität von Totenpraktiken. Oder: Probleme einer dichotomen Auffassung von Toten- bzw. Bestattungsbrauchtum. In: N. Müller-Scheessel (ed.), Irreguläre Bestattungen in der Urgeschichte: Norm, Ritual, Strafe ...? Akten der Internationalen Tagung in Frankfurt a. M. vom 3. bis 5. Februar 2012. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte 19, Frankfurt am Main 2013, 25–38.