Ressourcensicherung, Macht und Kult in Stillfried?


Stillfried an der March. Luftbild von Westen Richtung Marchfluss und Slowakei. Die Anhöhe mit der ehemaligen Wallanlage erhebt sich etwa 30 m über dem heutigen Ort Stillfried und ist im Zentrum der Aufnahme gut zu erkennen (Aufnahmedatum: 1.7.2003; Foto: Luftbildarchiv des Instituts für Urgeschichte und Historische Archäologie, Universität Wien, Foto-Nr. 02030701.096)
Senkrechtaufnahme der Wallanlage von Stillfried aus dem Jahr 1973 (genordet). Im Osten zeichnet sich der Verlauf des Marchflusses vor der Regulierung ab. In der Urnenfelderzeit reichte der Fluss mit seinem Sumpfgebiet bis unmittelbar an den Steilabfall der Wallanlage heran (Grabungsdokumentation Stillfried, Niederösterreichische Landessammlung für Ur- und Frühgeschichte, Foto-Nr. ST 0613)

Die Wallanlage von Stillfried stellt einen der bedeutendsten archäologischen Fundplätze Ostösterreichs dar. Eine Hauptnutzungsphase datiert in die späte Urnenfelderzeit (900–750 v. Chr.), als die Hochfläche (23 ha) im Westen durch einen mächtigen Abschnittswall mit vorgelagertem Graben befestigt wurde. Solche Plätze gelten aus derzeitiger wissenschaftlicher Sicht als Verkehrsknotenpunkt, Handels- und Produktionszentrum (Metall, Textilien) unter Kontrolle einer elitären Gesellschaftsschicht. Das Projekt widmet sich der Frage, ob der Zentralort Stillfried auch die Funktion eines überregionalen Getreidespeicherplatzes innehatte. Anstoß zu dieser Überlegung gibt die auffallend große Zahl an Gruben mit trapezförmigem Profil, die am höchstgelegen Bereich der Wallanlage (sog. „Hügelfeld“) bei archäologischen Ausgrabungen (1969–1989) entdeckt wurde (mindestens 100 Objekte). Diese durchschnittlich 4 m³ fassenden Hohlräume wurden mit waagrechter Grubensohle und engem Grubenhals in den anstehenden Löss gegraben. In ihrer ursprünglichen Funktion dienten sie als Getreidespeicher, wie verkohlte Lagen von Saatgut auf den Grubensohlen nahelegen. Auch in der historischen Literatur sind Gruben dieser Art als Getreidespeicher gut belegt: Vollgefüllt mit Getreide bieten sie bei luftdichtem Verschluss die erwünschte Konservierung über lange Zeiträume hinweg und wurden in dieser Weise als Silo genutzt.

Höhenschichtenplan der Anlage mit eingetragenen Grabungsschnitten (© OREA/ÖAW, Grafik: I. Hellerschmid)

Soweit diese Gruben vom „Hügelfeld“ bereits einer genauen Untersuchung unterzogen wurden, weisen ihre Füllschichten eine ähnliche Abfolge auf. Besonders auffällig sind dabei Niederlegungen von Wild- und Haustieren auf absichtsvoll errichteten Plattformen innerhalb mehrerer dieser Gruben (Rothirsch, Wolf, Wild- und Hausschwein, Feldhase; siehe FWF-Projekt P22755). Die ebenfalls regelhaft angetroffenen organischen Überreste von Getreide, Flussmuscheln, Fisch und Hirschgeweihstücken sind aufgrund ihrer Fundlage ebenso als bewusste Einbringungen zu betrachten. Daraus ist zu schließen, dass die Speichergruben vom „Hügelfeld“ im Anschluss an ihre Erstnutzung nicht als Abfallgruben dienten, sondern im Rahmen ritualisierter Handlungen verschlossen wurden. Analog zu ethnographischen Forschungen ist davon auszugehen, dass auch die Errichtung und Nutzung von derart wichtigen Bauten wie öffentlichen Speicheranlagen mit einer Reihe von Kulthandlungen verbunden war.

Westprofil der kegelstumpfförmigen Grube V949 vom Hügelfeld, späte Urnenfelderzeit. Die Grube diente ursprünglich als Getreidespeicher. Im Zuge ihres letzten und endgültigen Verschließens wurde in ihr ein männlicher Rothirsch abgelegt. Es konnten auch Druschreste von unterschiedlichen Getreidearten nachgewiesen werden (© OREA/ÖAW, Projekt Stillfried, Plan Nr. 120/1989, Umzeichnung I. Hellerschmid)

Im Projekt werden alle bis jetzt ergrabenen, späturnenfelder- und frühhallstattzeitlichen kegelstumpfförmigen Gruben vom „Hügelfeld“ auf der Grundlage von sechs Hauptmerkmalen untersucht und kategorisiert. Zusätzlich werden weitere bisher unbearbeitete Gruben von der Wallanlage einbezogen. Damit soll geklärt werden, ob sich die charakteristischen Füllmuster auch in Gruben außerhalb des „Hügelfeldes“ wiederfinden (Grabungsstelle „Bügeleisen“, „Küssler-Acker“) und ob diese Tradition in der nachfolgenden Hallstattzeit fortgesetzt wurde (Grabungsstelle „Wagneracker“).

Die geplanten Untersuchungen stellen einen wichtigen Diskussionsbeitrag zur aktuellen Siedlungsforschung der späten Bronzezeit in Zentral- und Osteuropa dar. Die Literaturstudien werden zeigen, ob Verfüllmuster, die in Fachkreisen bis jetzt wenig Beachtung fanden, auch an anderen Fundstellen auftreten. Archäozoologische und anthropologische Untersuchungen sowie 14C-Datierungen und Isotopen-Analysen (Herkunftsfrage) der in den Gruben vorgefundenen menschlichen Knochen werden durchgeführt.
Mit dem möglichen Nachweis, dass der spätbronzezeitliche Fundplatz Stillfried als zentraler Speicherplatz und Umverteilungsort für Getreide diente, wird wissenschaftliches Neuland betreten.

Weizenfeld mit Klatschmohn, Juni 2015 (© M. Griebl).