31. Januar 2019 – 01. Februar 2019

Archäologie und Republik – Reflexionen zur Archäologie in Österreich in der ersten und zweiten Republik

Konferenz der „Plattform Forschungsgeschichte“ am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA)

Die nach dem 1. Weltkrieg in der neu begründeten Republik (Deutsch-) Österreich entstandene nationale Identitätskrise hatte mit der Veränderung des geistigen Klimas auch Auswirkungen auf die archäologischen Disziplinen. Das Eindringen von nationalistischen, völkischen und rassistischen Ideen in den akademischen Diskurs fand seinen Niederschlag auch in der Archäologie. Die einzelnen Fächer verloren bzw. gewannen an gesellschaftlicher Relevanz, bzw. mußten ihre Rolle neu definieren (Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie, Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Numismatik). Archäologische Unternehmungen im großen, „nationalen“ Maßstab konnten eine weit über das rein archäologisch gebotene Interesse hinausweisende Wirkung in der Öffentlichkeit entfalten. Wie reagierte die Forschungspolitik auf die neuen Gegebenheiten und wie änderte sich die Wahrnehmung der Archäologie durch die Öffentlichkeit im Lichte neuer Tendenzen?

Die Zeit nach 1945 ist demgegenüber gekennzeichnet durch die scharfe Ablehnung, sich mit der Geschichte der jeweiligen Disziplin auseinanderzusetzen. Die Verirrungen der Vergangenheit (sowohl während als auch vor der NS-Zeit) gelten als wissenschaftlich überholte Thesen und werden daher dem langsamen Vergessen anheimgestellt; sachliche und personelle Kontinuitäten begegnen ebenso wie scharfe Brüche. Die Aufarbeitung der Geschichte der einzelnen Fächer begann zögerlich vor wenigen Jahrzehnten und hat sich erst in den letzten Jahren zu einem allgemein akzeptierten Forschungszweig entwickelt. Die Archäologie bemüht sich nun um ein möglichst ideologiefreies, sauberes und (politisch-)korrektes Erscheinungsbild. Anti-koloniale, egalitäre und feministische Standpunkte werden für die Archäologie wichtig, die „Gender-Thematik“ erobert ihren Platz im Selbstverständnis des Faches. Missionen im Ausland sehen sich zunehmend einem Rechtfertigungsdruck im In- und Gastland ausgesetzt, rassistische oder post-koloniale Motivationen hinsichtlich ihrer Tätigkeit auszuschließen. Das endgültige Ende der Praxis, ausgegrabene Objekte in das die Grabungen finanzierende Land ausführen zu können, bedeutet einen radikalen Paradigmenwechsel in der archäologischen Praxis.

Der Schwerpunkt der Konferenz soll auf der Interaktion von Öffentlichkeit und Archäologie liegen, auf der Wahrnehmung der archäologischen Disziplinen durch die Öffentlichkeit im Kontext der Forschungslandschaft und der dahinter stehenden geistigen Strömungen. Dabei sollen vor allem die großen, auf lange Laufzeiten ausgelegten Unternehmungen im In- und Ausland betrachtet werden, denen eine identitätsstiftende Wirkung sowohl im Bewußtsein der Öffentlichkeit, als auch für das jeweilige Fach zuerkannt werden. Die Ausgrabungen an den meisten dieser „ikonischen“ Fundplätze wurden bereits in der Monarchie begonnen, wenige kamen erst in der Zeit der Republik dazu. Der Wandel im Selbstverständnis dieser Unternehmungen, die wechselnden Fragestellungen und Perspektiven sollen untersucht werden.